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Das Gesundheitswesen im Dilemma

Das Gesundheitswesen steht zwischen zwei Fronten. Täglich wird von den Leistungserbringern und Versicherern der Spagat zwischen Ethik und Wirtschaftlichkeit gefordert. Wie weiter? Muss die soziale Krankenversicherung allen steigenden Ansprüchen gerecht werden oder soll das Gesundheitswesen nach wirtschaftlichen Aspekten mit Angebot und Nachfrage funktionieren? Am RVK-Forum vom 25. April 2012 in Luzern haben hochkarätige Redner komplexe Fragen aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet.

Mit der Zustimmung zur Revision des Krankenversicherungsgesetzes vor 18 Jahren ahnten wohl die wenigsten, wie sich dieser Entscheid auswirken wird. Die Grundidee, alle Bevölkerungsschichten im Krankheitsfall finanziell abzusichern, bringt die soziale Krankenversicherung immer mehr in Bedrängnis. Durch die immer älter werdende Bevölkerung, die steigenden Ansprüche der Versicherten, die rasche Angebotsentwicklung der medizinischen Behandlungsmöglichkeiten, aber auch durch das wirtschaftliche Streben nach Wachstum und Gewinn ist das Gesundheitswesen aus dem Gleichgewicht geraten.

 

Das RVK-Forum, eine Veranstaltung des Verbandes der mittleren und kleineren Krankenversicherer, hat sich diesem Thema angenommen. Mehr als 200 Fachleute aus dem Gesundheitswesen haben die spannende Debatte – moderiert von Stephan Klapproth – mit verfolgt.

 

Patientenbedürfnisse in den Mittelpunkt stellen

Gerechtigkeit habe zwei Aspekte, erläuterte Dr. Christoph Rehmann-Sutter, Professor für Theorie und Ethik an der Universität Lübeck. Die gerechte Behandlung der einzelnen Person einerseits, die faire Verteilung der vorhandenen Ressourcen andererseits. Diese beiden auf einen Nenner zu bringen, sei eine grosse Herausforderung. Es sei aber zentral, bei Gerechtigkeitsüberlegungen von den Patientinnen und Patienten auszugehen und ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu stellen – anstelle der Berechnungen von Effizienz und Wirtschaftlichkeit. Bedeutend sei auch, die verschiedenen Perspektiven der Beteiligten wie Patienten, Ärzten, Pflegenden, Versicherungen, und Nichtpatienten einzubeziehen. Es müsse sich ein multiperspektivisches und mythenfreies Bild entwickeln, wenn die Diskussion weiterkommen wolle.

 

Es sei illusorisch, die Gesundheitskosten senken zu wollen, argumentierte Dr. Carlo Conti, Präsident der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren (GDK). Schon die demografische Entwicklung bis 2020 – die Zunahme der über 65-Jährigen wird 25 Prozent betragen – verunmögliche dies. Ausserdem wolle die grosse Mehrheit der Bevölkerung freien Zugang zu medizinischen Leistungen. Leistungseinschränkungen, verbunden mit der Entwicklung zur Zweiklassengesellschaft, hätten bei einer Abstimmung keine Chance.

 

Bevölkerung zufrieden

Ist Rationierung ein Ausweg aus dem Dilemma? Der Ökonom Dr. Harry Telser zeigte auf, dass immer und überall rationiert werde. Die Frage sei nur, nach welchem Bewertungssystem. Er stellte in Frage, ob wir wirklich zu viel für das Gesundheitswesen ausgeben würden. Es gebe Indizien, dass die Schweizerinnen und Schweizer mit ihrem Gesundheitswesen zufrieden seien. Die immer teurer werden Prämien seien vor allem ein Thema der Medien und Politiker.

 

Am Schluss war man sich trotz der Meinungsvielfalt vor allem in einem Punkt einig: Das Gesundheitssystem funktioniere auf hohem Niveau, das zeigen auch Vergleiche mit dem Ausland. Ob die Ansprüche von Versicherern, Leistungserbringern und Medizin je zum grossen Schulterschluss zwischen Ethik und Wirtschaftlichkeit führen können, bleibe offen. „Der Vielfalt der Meinungen und der Anbieter im Gesundheitswesen ist Sorge zu tragen. Wir müssen diese zur Qualitätserhaltung nutzen“, führte Dr. Charles Giroud, Präsident des RVK, zum Schluss aus. Auch wenn es schwierig sei, die vielen Blickwinkel zu einem Gesamtwerk zusammenzufügen, so sei jeder Austausch ein Schritt, das Gesundheitswesen im Sinne der Versicherten zu stärken und zu optimieren.

Verband der kleinen und mittleren Krankenkassen RVK

26.04.2012 - dzu

 
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